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Muss die Barrierefreiheit eines PDF-Dokuments gekennzeichnet werden?

11. April 2016 von Kerstin Probiesch in: Barrierefreiheit, PDF

1. Ausgangslage

Vor allem auf deutschen Websites begegnen Nutzern immer wieder Kennzeichnungen in Links zu PDF-Dateien als „nicht barrierefrei“ bzw. „barrierefrei“, z.B. „Dokument XY, barrierefrei“ oder „Dokument XY, nicht barrierefrei“.

Solche Kennzeichnungen und damit Deklarationen von PDF-Dokumenten mögen auf den ersten Blick gut gemeint sein, sollen sie doch Menschen mit Behinderungen darüber informieren, ob ein PDF problemlos gelesen werden kann. Sie sind jedoch in mehrfacher Hinsicht kritisch.

2. Unterschiedliche Erwartungen und Bedeutungen

Verschiedene Nutzergruppen und Leser erwarten von einem als „barrierefrei“ bezeichnetem PDF nicht zwingend das Gleiche. Während Screenreadernutzer und damit blinde Leser in der Regel eine korrekte Auszeichnung von Überschriften, Absätzen, Datentabellen usw. mit entsprechenden Tags sowie Alternativtexte für informative Bilder zu Recht erwarten, erwarten sehbehinderte Leser u.a. gute Kontrastverhältnisse in Überschriften, Fließtexten, ggf. vorhandenen Info-Boxen und für Bildunterschriften. Menschen mit Lernschwierigkeiten werden wahrscheinlich von einem als „barrierefrei“ gekennzeichneten PDF-Dokument einen Text in Leichter Sprache erwarten. Und wieder andere Leser erwarten lediglich, dass es sich bei einem derart gekennzeichneten PDF nicht um ein rein-grafisches PDF handelt. Leser, die aufgrund von Blendempfindlichkeit auf starken Kontrast und/oder eigene Farbeinstellungen angewiesen sind, erwarten, dass ein PDF auch nach Ändern von Farben im Adobe Reader problemlos gelesen werden kann. Gerade diesem Aspekt steht zuweilen der fehlerhafte Kontrastmodus des Adobe Reader gegenüber.

Nutzererwartungen können sich auch auf verwendete Schriftarten oder Schriftgrößen beziehen. Während sich HTML-Seiten, z.B. durch Einstellungen im Browser oder durch Verwendung von Browser-Add-ins oder eigenen Nutzerstilen anpassen lassen, ist dies bei PDF-Dateien nicht der Fall.

Eine Kennzeichnung als „barrierefrei“ ist daher und gemessen an unterschiedliche Nutzererwartungen sozusagen keine valide Aussage, die für alle Nutzer gilt und die gleiche Bedeutung hat.

Erschwerend kommt im umgekehrten Fall hinzu, dass eine Kennzeichnung als „nicht-barrierefrei“ Leser unnötig abschrecken kann. Blinde Leser beispielsweise könnten denken, dass ein Klick auf einen Link „Dokument XY, nicht-barrierefrei“ ein rein-grafisches und damit mit Screenreadern nicht lesbares PDF aufruft. In diesem Fall kann es dazu kommen, dass eine Datei erst gar nicht aufgerufen wird – auch wenn es sich vielleicht nur um eine oder zwei Seiten mit Absätzen handelt. Hier mag dann zwar die Auszeichnung korrekter Zwischenüberschriften fehlen oder statt des Dokumenttitels der Dateiname gegeben sein, aber die Datei kann in zahlreichen Fällen zumindest einigermaßen gelesen werden – auch wenn sie keinem bekannten Standard für Barrierefreiheit entspricht und das Lesen mühsamer als bei korrektem Tagging sein kann.

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PDF/UA – Braucht es einen separaten Barrierefreiheits-Standard für das Format PDF?

16. Februar 2015 von Kerstin Probiesch in: Barrierefreiheit, PDF, WCAG

PDF Universal Acessibility (PDF/UA-1) ist ein ISO Standard für Barrierefreie PDF-Dateien, veröffentlicht im Jahr 2012. Aber: Brauchen wir überhaupt einen speziellen Standard für die Barrierefreiheit von PDF-Dateien, wo es doch die Web Content Accessibility Guidelines und damit die Richtlinien für barrierefreie Webinhalte gibt?

Aus meiner Sicht ist die Antwort zunächst nicht abhängig vom Format, sondern vom Zweck eines PDF oder besser gesagt davon, ob ein PDF im Web (wozu in der Regel und immer öfter auch Intranet zählt) veröffentlicht wird oder nicht.

Die WCAG 2.0 sowie die deutsche BITV 2.0 adressieren alle Web-Inhalte und umfassen damit immer auch PDF-Dateien, die im Web veröffentlicht sind. Dabei kommt es nicht auf das Format an, denn die WCAG 2.0 wurden explizit technologie-unabhängig formuliert. In keinem Erfolgskriterium findet sich ein Bezug auf eine bestimmte Technologie, z.B. HTML, Java, Javascript, Flash, PDF, sondern allgemein formulierte Konzepte zu Themen der Barrierefreiheit. Würde man ein bestimmtes Format herauslösen, bedeutet das zwangsläufig, dass nicht nur Web Inhalte auf bestimmte Technologien reduziert würden, sondern letztlich der gesamte WCAG 2.0 – Standard.

Nun begegnen einem PDF-Dateien nicht nur im Web. Die verschiedensten Textsorten erreichen Leser im PDF-Format. Dazu gehören Protokolle von Mitgliederversammlungen oder Arbeitstreffen, Unterrichtsmaterialen und E-Books, wenn sie als PDF veröffentlicht werden sowie Rechnungen, Briefe usw. -, um nur einige wenige Beispiele zu geben. Hier haben wir es sehr oft gerade nicht mit Webinhalten zu tun und damit werden sie nicht von den WCAG 2.0 oder der BITV 2.0 erfasst. An dieser Stelle war und ist ein Standard für barrierefreie PDF-Dateien nicht nur sinnvoll, sondern geradezu nötig und PDF/UA-1 schließt hier eine Lücke.

Die Frage “Braucht es einen separaten Standard für barrierefreie PDF-Dateien?” lässt sich meiner Auffassung also nicht generell, sondern sozusagen formal gesehen am besten zunächst mit “Ja” und “Nein” beantworten. Gleichwohl gibt PDF/UA-1 und das Matterhorn-Protokoll (PDF) als Konkretisierung eine wichtige Richtschnur und Anleitung für das konkrete Umsetzen und Prüfen von PDF-Barrierefreiheit, jedoch nicht als Ersatz der WCAG 2.0 für PDF-Webinhalte, sondern als Ergänzung.

Accessibility Links (23)

22. September 2014 von Kerstin Probiesch in: Allgemein, Barrierefreiheit, BITV, Hilfsmittel

Accessibility Links (22)

13. August 2014 von Kerstin Probiesch in: Allgemein, Barrierefreiheit

Accessibility-Links (21)

11. August 2014 von Kerstin Probiesch in: Allgemein

  • Im Juli 2014 veröffentlichte das W3C die Website Accessibility Conformance Evaluation Methodology (WCAG-EM) 1.0 – eine Art Rahmen für das Testen von Barrierefreiheit nach WCAG 2.0. Erfreulicherweise gab es sozusagen auf den letzten Metern noch einige Verbesserungen, u.a. den insgesamt kritischen Abschnitt zu Scoring-Systemen.
  • Wie barrierefrei ist Android inzwischen für blinde Nutzer? Mit dieser Frage beschäftigt sich Marco Zehe in seiner Artikelreihe 30 days with Android
  • Mit dem Accessibility-Club gab es am 16. Juli 2014 eine erste spannende und praxisnahe Veranstaltung zur Barriefreiheit in Nürnberg. Wer, wie ich, in dieser Zeit in Urlaub war oder aus anderen Gründen nicht teilnehmen konnte, findet die Tagungsdokumentation inkl. Audioclips auf Lanyrd
  • Das Technikendokument der Web Content Accessibility Guidelines 2.0 steht kurz vor einem Update. Interessierte können den derzeitigen Editor’s Draft noch bis zum 12. August kommentieren.