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WCAG 2.0 – ist Konformitätsstufe A zu wenig?

26. September 2011 von Kerstin Probiesch in: Barrierefreiheit, WCAG

Der Blick auf und das Bewerten der Konformitätsstufen ist ein Blick aus unterschiedlichen Richtungen. Dabei haben Designer, Webentwickler, Websitebetreiber und Projektleiter ihre je eigene Perspektive – abhängig von Know How, Erfahrung und Vertrautheit mit den Themen der Barrierefreiheit. Während erfahrene Webentwickler das Erreichen von Konformitätsstufe AA leicht finden, sind z.B. die Erfolgskriterien 1.1.1 und 1.3.1 (Konformitätsstufe A) für viele Online Redakteure eine echte Herausforderung.

Nun sind Webentwickler zunächst einmal sozusagen für den “Rahmen” zuständig. Sie haben die Aufgabe diesen barrierefrei umzusetzen und es z.B. Online Redakteuren zu ermöglichen, ihre Inhalte barrierefrei umzusetzen – zumindest im Idealfall. Online Redakteure – und damit ist auch die Sekretärin des kleinen Unternehmens von nebenan gemeint, die “nebenbei” die Webseiten betreut – sind zuständig für die Barrierefreiheit der Inhalte. Ihre Arbeit beginnt, wenn die Webentwickler gerade noch im Boot sitzen, ist jedoch nicht beendet, wenn sich die Webentwickler dem nächsten Projekt zugewandt haben.

Reden Webentwickler über Konformitätsstufen, dann stehen in der Regel Erfolgskriterien im Mittelpunkt, die die Webentwicklung betreffen. Auf Konformitätsstufe AA sind dies:

  • 2.4.5 Verschiedene Methoden
  • 2.4.7 Fokus sichtbar
  • 3.2.3 Konsistente Navigation
  • 3.2.4 Konsistente Erkennung
  • 3.3.3 Fehlerempfehlung und
  • 3.3.4 Fehlervermeidung

Die Umsetzung dieser Erfolgskriterien sollte zum Handwerkszeug eines jeden Webentwicklers gehören – und zwar unabhängig davon, ob und welche Konformitätsstufe ein Websitebetreiber erreichen möchte und sogar dann, wenn dem Auftraggeber Barrierefreiheit (nicht) wichtig ist. Und selbstverständlich gehören dazu auch die Erfolgskriterien der Stufe A, die überhaupt erst ein Erreichen von Konformitätsstufe AA ermöglichen.

Konformitätsstufe AA ist jedoch – ebenso wenig wie A – eine reine Sache der Webentwicklung. Tatsächlich sind die Berührungspunkte von Webentwicklern und Online-Redakteuren oft geringer als man glaubt und nur dort größer, wo Webentwicklung und Schulung quasi in Personalunion stattfinden.

Weitere Erfolgskriterien der Konformitätsstufe AA – und diese betreffen die Webentwicklung zumindest bei der Pflege Webseiten nicht mehr – sind:

  • 1.2.4 Untertitel (live)
  • 1.2.5 Audiodeskription aufgezeichnet
  • 1.4.3 Kontrast (Minimum) – beispielsweise, wenn Online-Redakteure HTML schreiben dürfen
  • 1.4.5 Bilder eines Textes
  • 2.4.6 Überschriften und Beschriftungen
  • 3.1.2 Sprache von Teilen

Für erfahrene Webentwickler sind die Auszeichnung von Überschriften (inkl. Finden der richtigen Ebene), die korrekte Auszeichnung von Listen und Datentabellen sozusagen “Pille-Palle” – Flüchtigkeitsfehler eingeschlossen. In der Regel sind Webentwickler nicht für das Schreiben von Alternativtexten für Grafiken in Inhaltsbereichen zuständig und unterschätzen zuweilen die Probleme, die sich dabei auftun können. Und: da sind wir noch nicht einmal bei Konformitätsstufe AA angelangt.

Für Online-Redakteure sind gerade diese großen Bereiche eine Herausforderung, mit Unsicherheiten verbunden und noch zu vielen Online Redakteuren fremd. Das ist die Realität, die man in den sogenannten “Großen Hütten” ebenso antrifft wie in der kleinen oder mittelgroßen Firma von nebenan. Ein Vorwurf ist den Redakteuren dabei nicht zu machen, denn: woher soll man wissen wie man etwas tun muss, wenn man nicht weiß, dass man etwas tun muss. Wie schon an anderer Stelle gesagt: wir, die wir lange in diesem Bereich unterwegs sind, tendieren dazu zu denken, dass jeder das alles “doch schon wissen müsste”.

Konformitätsstufe AA nicht immer möglich

Nicht alle Webseiten können Konformitätsstufe AA erreichen. Bei der Übernahme fremder Texte (z.B. längerer Artikel) können nicht immer die im Erfolgskriterium 2.4.6 geforderten Zwischenüberschriften eingefügt werden – sei es aus urheberrechtlichen Gründen oder aufgrund fehlenden inhaltlichen Wissens seitens der Redaktion. Auch hier ist Redakteuren kein Vorwurf zu machen, es sei denn jemand traut sich zu aussagekräftige Überschriften für einen Text aus jedem Wissensgebiet / Fachgebiet zu formulieren.

Auch die in 1.2.5 geforderten Audiodeskriptionen für Videoinhalte sind können problematisch sein: Nicht jedes Kleine und Mittelständische Unternehmen ist finanziell und/oder personell in der Lage Audiosdeskriptionen zu produzieren oder produzieren zu lassen. Einen einführenden Artikel zu Audiodeskriptionen, der einen Eindruck vom Aufwand gibt, bietet die Wikipedia. Zudem: nicht jedes Video eignet sich zum Einfügen von Audiodeskriptionen, denn diese benötigen ausreichende Dialogpausen.

Kein Plädoyer für Selbstbeschränkung auf A

Das ist jedoch kein Plädoyer für ein Sich-Beschränken auf Konformitätsstufe A, wohl aber eines für realistische Ziele – will man nicht eine zahnlose AA-Konformitätserklärung mit zahlreichen Abstrichen auf die Website stellen, die aussieht als hätte man nichts gemacht, nichts gekonnt und die generell das Negative statt das Positive betont.

Aus meiner Sicht kann eine Erklärung zur Konformitätsstufe A mit einer Auflistung von erreichten AA-Erfolgskriterien mehr und motivierender sein, als eine Erklärung zur Konformitätsstufe AA mit einigen oder vielen Ausnahmen – auch wenn jetzt ein besonderes Betonen des sichtbaren Fokus dann vielleicht doch schon etwas seltsam wäre ;-) . Und für die erreichten und erreichbaren Erfolgskriterien der Stufe AA sind zumindest zur Hälfte die Webentwickler zuständig.

Selbstverständlich zielt eine gute Beratung des Auftraggebers ebenso wie die Schulung von Online-Redakteuren auf das Erfüllen weiterer Konformitätsstufen ab.

Was sollten Auftraggeber tun?

Auftraggeber sollten für die Arbeit der Webentwickler und Webdesigner in jedem Fall Konformitätsstufe AA vertraglich festzurren – auch wenn nur Konformitätsstufe A für das Webangebot insgesamt angestrebt oder als realistisch erreichbar angesehen wird. Geht man hier nur von A aus, dann besteht die Gefahr, dass noch nicht einmal A erreicht werden kann.

Was sollten Webentwickler tun?

Für Webentwickler sollte meiner Ansicht nach weniger entscheidend sein, ob der Auftraggeber eine bestimmte Konformitätsstufe erreichen oder nicht erreichen möchte. Barrierefreiheit ist Webstandard sowie Qualitätsmerkmal und gehört zum Handwerkszeug – oder sollte zumindest dazu gehören.

Zahlreiche Erfolgskriterien der Konformitätsstufen AA und AAA benötigen die Vorarbeit der Webentwicklung. Webentwickler müssten es dem Auftraggeber zumindest ermöglichen mit seinem Webangebot weitere Stufen (AA, AAA) zu erreichen – und zwar auch ohne, dass dies explizit vertraglich festgezurrt ist.

Fazit

Konformitätsstufe A hört sich wenig an und ist es auch, wenn sich Webentwickler darauf beschränken. Ist sie aber insgesamt zu wenig und sollte deswegen keine Option sein? Ich meine nicht. Wenn Unternehmen Konformitätsstufe A umsetzen würden und schon durch die Arbeit in der Webentwicklung immerhin teilweise Konformitätsstufe AA wäre viel gewonnen.

Wir müssen vor allem Unternehmen motivieren Barrierefreiheit umzusetzen und die Option der Konformitätsstufen, die die WCAG 2.0 bieten, sehe ich als wichtiges Instrument.

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